Renate Müllers Rupfentiere sind internationale Designklassiker, Carmen Leutheuser widmet ihren Sinn für Mode und Ästhetik dem Spielzeug und Antje-Biana Schott erspürt den Charakter neuer Puppen und Figuren und macht ihn auch für andere sichtbar.
Die drei leben und arbeiten in der Spielzeugstadt Sonneberg und geben dort Ideen und Träumen eine greifbare Hülle, indem sie Spielzeug entwerfen, anfertigen und produzieren. Mit unterschiedlichen Ansätzen und Zielen, aber mit vergleichbarer Leidenschaft.
Von der Idee zur Realität
Es gibt Materialien, die eine eigene Sprache sprechen. Rupfen – grobes, lockeres Leinenbindiges Gewebe – ist so eines. Renate Müller begegnete ihm während ihres Studiums an der Fachschule für Spielzeug in Sonneberg. Inspiriert von ihrer Dozentin Helene Haeusler, die hier um 1960 erste Rupfentier-Prototypen anregte.

Gemacht für Kinderhände, die greifen, tasten, begreifen wollen.
Renate Müller machte sich das Material zu eigen, verfeinerte Form und Verarbeitung und kombiniert es mit rotem und blauem Leder. Ihren Vater, der zu dieser Zeit Inhaber der H. Josef Leven KG war, überzeugt sie, Rupfentiere ins Sortiment aufzunehmen. Kein leichtes Unterfangen – die industrielle Produktion dieser Figuren ist aufwendig.
Mit drei Entwürfen aus der Fachschule – Nashorn, Ente, kleiner Würfel (deren Rechte sie erwarb), startete ihre erste Kollektion 1967.

50 Jahre später
2026 später steht Antje-Biana Schott vor einer ähnlichen Herausforderung: Wie gibt man einem Charakter, einer Figur, einer Idee, eine Form, die Kinder emotional berührt? Welches Material ist zeitgemäß und bietet die perfekte Grundlage?
„Ich kannte das ganze Digitale, ich konnte illustrieren am Computer, aber mir hat dieses Handwerkliche gefehlt. Das habe ich hier dann von der Pike auf gelernt – Modellieren, das ganze Textile gestalten an der Nähmaschine. Wir waren in der Holzwerkstatt, wir haben Sachen selber gebaut, mit Kreissäge, mit Bandsäge, mit allem drum und dran,“ erinnert sich Antje-Biana Schott an ihr Studium „Spielzeugdesign“ hier in Sonneberg.
Die Kombination aus dem Wissen um Spielzeugherstellung, mit den virtuellen Fertigungsabläufen als Mediengestalterin, hilft ihr, der zunächst frei schwebenden Anfangsidee eine echte Gestalt zu geben. Sie übersetzt Ideen und Gefühl in Material, Formen und Farben und erschafft Prototypen.

Carmen Leutheuser wiederum denkt vom Markt her, vom Konzept, spinnt den roten Faden einer ganzen Spielzeug-Kollektion in eine Produktreihe. Doch selbst sie kehrt immer wieder zur Frage des Materials zurück. „Trendscouting“ ist bei ihr kein Modewort, sondern eine Methode: Welche Materialien, welche Formen, welche Haptiken verlangen die Zeiten?
Schließlich entsteht Design im Spielzeugbereich nicht nur im Kopf, am Zeichentisch und im PC, sondern ebenso im Spannungsfeld zwischen Material, Produktion, Kosten, Marketing und teilweise auch der kulturellen Bedeutung. Global muss man denken – auch beim Spielzeug.
Das Kind als Maßstab
Was verbindet eine Rupfen-Giraffe aus den 1970er Jahren mit einem Charakter-Design für ein modernes Spielkonzept? Auf der einen Seite stehen Handarbeit, Naturmaterial, therapeutischer Anspruch; auf der anderen digitale Kunst, Verpackungsdesign, Marktanalyse.
Der gemeinsame Nenner ist das Kind.
„Nach der Wende gab es natürlich mehr Möglichkeiten, aber letztendlich haben wir unser Arbeitsprinzip beibehalten: Einmaligkeit, Originalität, Langlebigkeit und Naturmaterialien und vor allem die Kinder immer als Mittelpunkt. Wir haben nichts erfunden oder ausgedacht, wo Kinder nur Zuschauer sind. Jede Idee ist aus der Gemeinschaft mit den Kindern hervorgegangen,“ Renate Müller ist das wichtig.

Ihre Rupfentiere wurden (und werden) von Pädagogen, Ärzten und Therapeuten weit über Deutschland hinaus eingesetzt. Für die Motorik, für die Sinnesentwicklung, für die emotionale Bindung.
Carmen Leutheuser ergänzt diesen Ausgangspunkt: „Wir legen Wert auf hohe Produktqualität und Sicherheit. Es muss zur jeweiligen Altersgruppe passen, damit die Kinder nicht überfordert werden. Die heutige Welt ist schnell genug – da passiert an allen Ecken und Enden gleichzeitig was.“
Rosa Puppen sind immer noch ein Renner, werden Millionenfach produziert und auch verkauft. Doch die Gesellschaft hat sich gewandelt. Dass Jungs mit Puppen spielen, dass diese auch als „unisex“ erdacht und produziert werden, gehört dazu. Der Zeitgeist kann nicht einfach beiseite geschoben werden. Und soll es auch nicht.

Die jungen Eltern sind eine andere Generation mit anderen Bedürfnissen. „Wenn es um Kindersachen bis unter drei Jahre geht, dann muss das Püppchen, farblich ins Wohnzimmer von den Eltern passen. Das ist heutzutage so. Oder zum Kinderwagen oder der Wickeltasche,“ erläutern die beiden Designerinnen.
Lösungen finden
Jede Zeit hat ihre ganz eigenen Herausforderungen. „Und gerade zu DDR-Zeiten, wo eine gewisse Knappheit war oder auch Mangel an Material, da musste ich mir halt einfache Dinge ausdenken und dann Partner finden,“ erinnert sich Renate Müller.
Aus Mangel entstand, was sie im Rückblick besonders schätzt: die Gemeinsamkeit, der Zusammenhalt in der Region. Der Bauhaus-Gedanke und die Fröbel-Pädagogik flossen in ihre Arbeit ein, ohne dass sie dies theoretisch formulierte – sie setzte ihr Wissen um Kinderwünsche in Stoff, Holz und Form um. Gestaltet ganze Spielplätze, mit den Menschen vor Ort.
„Es waren sozusagen soziale Projekte. Da kamen die Omas mit dem Rollator, haben sich dazugesetzt, wenn ich da gewerkelt habe, oder die Kinder kamen nach der Schule und hatten ein Butterbrot dabei. Sie haben mit Schleifpapier mitgeholfen und mit gestrichen.“ Durch diese Gemeinsamkeit entstand auch eine große Akzeptanz für ihre Arbeit, da die Menschen miterlebten, wie viel Zeit und vor allem Herzblut in den Dingen steckt.

„Deshalb gibt es auch tolle Fotos, wo die Wolkenrasenkinder auf ihrem großen Drachen sitzen und sich freuen“ Renate Müller
Solche Gemeinschaftserlebnisse gibt es heute kaum noch, befürchtet Renate Müller.
Eine neue Welt
Nach der Wende, so findet Carmen Leutheuser, mussten sich alle erstmal neu sortieren. Es war eine ganz neue Welt. Die Sonneberger mussten ihre Firmen zurückholen oder neu gründen. Der nächste große Schritt kam dann mit der Digitalisierung, den sozialen Medien. Diese ständige Erreichbarkeit und Sichtbarkeit in der virtuellen Welt, der man sich nicht entziehen kann. „Wer das nicht mitdenkt, ist raus.“
Alle Eventualitäten und Probleme im Blick zu haben, den Kunden bestmöglich zu beraten, das Spielzeug perfekt am Markt zu platzieren – all dies gehört mit zum Prozess. Auch Glück spielt immer eine Rolle. „So viele Dinge müssen zusammenspielen. Wir müssen darauf achten, dass die Kunden die neuen Medien, die neuen Tools verwenden, wie zum Beispiel YouTube oder verschiedene Dinge mit ihren neuen Produkten veranstalten.“
„Manchmal sage ich im Spaß, ich arbeite bei der NASA“, verrät Carmen Leutheuser. Schließlich sind die Produktlinien die sie für große Hersteller wie Baby born entwerfen und produzieren streng geheim. So freuen sie sich, wenn ihre Arbeit endlich öffentlich ist, die Tests gelaufen, die Kunden zufrieden und das Spielzeug im Laden. „Wir arbeiten auch immer mit dem ein oder anderen Influencern zusammen auf Instagram, Facebook etc. Und kriegen dann auch Briefe von Kindern, ganz süß, die die Puppen malen. Oder auch eigene entwerfen, die sie uns dann zuschicken.“
Zukunft gestalten
Antje-Biana Schott hat zunächst Mediengestaltung im heimatlichen Raum Erfurt gelernt und danach in Sonneberg Spielzeugdesign studiert. Carmen Leutheuser konnte in der DDR ihren Traum in Berlin Modedesign zu studieren nicht verwirklichen. Als sich nach der Wende in Naila die Gelegenheit bot Bekleidungstechnik zu studieren, griff sie zu. Durch Zufall bot sich der Quereinstieg ins Produktdesign und sie kam zurück nach Sonneberg und in die Spielwarenindustrie. Für sie eine WinWin-Situation. Denn Spielzeug war schon immer ihre große Liebe.
„Mit 14 habe ich noch der Barbie oder der Modepuppe Outfits entworfen und dann bin in die Disco gegangen.“ Dreißig Puppen hatte sie zu der Zeit.

als SpecialEdition.
Inzwischen gehören die beiden zu den Letzten, die wissen, wie man Spielzeug traditionell herstellt. „Der Studiengang „Spielzeugdesign“ ist weg. Du kannst jetzt nur dein Fachabi in Richtung Design machen und könntest dann hinterher Spielzeughersteller werden,“ aber die Nachfrage sei nicht groß, bedauern beide. Ihr Wissen wollen und werden sie weitergeben, tüfteln dazu an einem neuen geschäftlichen Standbein. Einer gemeinsamen Firma.
Antje-Biana Schotts Erfahrungen Kunden zuberaten und anzuleiten, ist ein Grundstock dazu. Schließlich muss sie deren Ideen verstehen und in Form bringen. Warum sollte das nur mit Kunden so laufen? Es gibt ja auch andere Menschen, die Ideen haben und diese vielleicht realisieren wollen. So kam es zu einem ersten Vortrag, für den sie sich die Vorbereitungszeit zusammenklauben mussten. Mit Erfolg. „Es hat uns so Spaß gemacht, einfach eine ganz neue Tür, ein ganz neuer Weg,“ freut sich Carmen Leutheuser. Erste Anfragen liegen vor und die beiden planen, wie und was sie anbieten werden.
Die Fäden laufen zusammen
In Sonneberg kreuzen sich Fäden, die man anderswo nicht so leicht zusammenführen kann: die Geschichte der bundesdeutschen und DDR-Spielzeugindustrie und die Gegenwart internationaler Designpraxis; das Handwerk der Rupfen-Näherinnen, die Heimarbeit von tausenden helfender Hände weit über Sonneberg hinaus und die digitale Welt der Produktentwicklung; das Therapeutische und das Ästhetische; das Lokale und Globale; das Spielzeugmuseum und die Akademie der Kinder.

für eine der größten Spielwarenmetropolen.
Spielzeugstadt Sonneberg
Im 18. Jahrhundert begannen die Sonneberger Spielzeug als ihr wichtigstes Produkt zu erkennen und herzustellen. Um 1880 gab es rund 320 Spielwarenbetriebe und schon mehr als 80 Exportunternehmen. Denn egal, wie schlimm die Lage in der Welt war (und ist) – Spielzeug ist gefragt.
Auch in der DDR blieb Sonneberg das Herz der Spielzeugproduktion: Aus über 100 privaten Kleinbetrieben entstand das zentralisierte Kombinat „Sonni“ mit rund 27.000 Beschäftigten und einem Export in über 30 Länder. Spielzeug war hier nicht nur eine Ware, sondern Teil eines staatlichen Bildungs‑ und Kulturprogramms – mit klaren Vorgaben, aber auch mit Raum für kreatives Handwerk.

Renate Müller bewegte sich in diesem Spannungsfeld: Ihre frühen Arbeiten entstanden in einem System, das Form, Farbe und Material stärker regulierte als der freie Markt und doch gelang es ihr, Spielzeug als künstlerische und pädagogische Form zu verstehen und zu realisieren.

Frank Kafka“ – Gruß auf einer Arbeitsschatulle von Renate Müller
Dreimal Leidenschaft
Renate Müller, Carmen Leutheuser und Antje-Biana Schott stehen für zwei Generationen, drei Arbeitswelten, unendliche Formensprachen – mit einer gemeinsamen Idee: dass Spielzeug ein Medium ist, das ernst genommen werden muss.
Das Spielzeugmuseum in Sonneberg lässt keine los: „Das Museum ist für mich der Partner überhaupt. Nicht nur, dass ich mich als Botschafter für die Region verstehe, wenn ich im Ausland bin, ich schleppe alle Leute mit nach Sonnenberg. Ich lasse keinen, der bei mir in der Werkstatt ist, aus. Die aus New York, aus Paris, aus Basel, allen schwärme ich von den Ausstellungen im Spielzeugmuseum vor,“ so Renate Müller.
Als Schmelztigel des Wissens und die Basis für Vernetzung und Zusammenarbeit beschreiben es Carmen Leutheuser und Antje-Biana Schott und wünschen sich noch mehr Austausch untereinander. „Gerade wenn man jetzt auch sieht, dass viele Spielwarenfirmen hier aus der Gegend einfach nicht mehr existent sind. Ich glaube das letzte Mal, als wir es abgefragt haben, waren es etwa 40, die überhaupt noch da sind. Und das einfach ist traurig.“
Durch die drei Frauen und ihr Engagement lebt Sonneberg nicht in der Vergangenheit des Spielzeugs, es ist ein lebendiger Ort, ein Labor für die Frage, was wir Kindern morgen mitgeben wollen, um ihre/unsere Welt zu bereichern, zu begreifen und für sich zu erobern.

Tipps:
Die Retrospektive zu Renate Müller ist noch bis 7. Juni 2026 im Spielzeugmuseum Sonneberg zu sehen.
Mehr über sie und ihr Werk findet sich auch hier.
Carmen Leutheuser und Antje-Biana Schott laden am Mittwoch, 13. Mai 2026 zu einem Vortrag ins Spielzeugmuseum
Vom Impuls zur Zukunft: Zwei Designerinnen zeigen den Gestaltungsweg im Spielzeugdesign
Auf ein Wort
Hochdeutsch: Spielzeug
aus: Karl-Heinz Großmann, Wörterbuch, Itzgründisches Fränkisch
Übersetzung: Spillzeuch

Anne – Ich fotografiere, schreibe und filme seit mehr als 30 Jahren zu Themen wie Natur und Genuss. Als Wahlthüringerin erkunde ich meine neue Heimat mit offenem Blick.

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