Mandys Bande


Ziegen und Schafe als perfekte Landschaftspfleger

„Äpfel, Äpfel, Äpfel …“ Mandy schaut über den Hügel in Richtung Mausendorf. Drei Ziegen bleiben kurz stehen und schauen zurück. Die Schafe trotten einfach langsam weiter. Freiheit zählt heute anscheinend mehr als Apfelgenuss. Wer die bunt gesprenkelten Grünflächen in Augenschein nimmt, kann diese Einschätzung wahrscheinlich teilen. Es ist ruhig, warm und duftet nach Herbst. Der Blick geht über Felder, Wälder und Höhen in Richtung Süden. Aber soweit mag man gar nicht schauen – der wilde Schaf- und Ziegenmix fesselt den Blick.

Als riesige Winterherde auf einer Wiese neben dem Elternhaus in Mogger traten Schafe erstmals in Mandys Leben und blieben. Der familiären Verbundenheit zur Landwirtschaft wollte sie sich sowieso nie entziehen. Pferde, Rinder, Hunde, Katzen gehörten für sie immer schon zum Leben dazu.

Die Idee, Schäferin zu werden, kam dann irgendwie durch das Ausschlussprinzip: Fürsorge und Achtsamkeit sind ihr wichtig. Altenpflege, die sie im sozialen Jahr nach der Schule machte, wühlte sie zu stark auf. „Du beschäftigst dich ja mit den älteren Leuten. Und du bekommst dieses Leid mit. Die erzählen dir so viel. Das habe ich nicht verkraftet.“

Ein Bürojob kam eh nie infrage, auch Service oder Verkauf schieden schnell aus. Aber tagtäglich bei Wind und Wetter als Berufsschäferin mit den Tieren unterwegs zu sein – ihre Mutti hatte da so ihre Zweifel.

Doch das erste Praktikum mündete direkt in einen Lehrvertrag und ihre Liebe zu Schafen ist seither stetig gewachsen. Wobei – eigentlich sind es die Ziegen, die ihr Herz fest im Griff haben. Mandys Herde besteht aktuell aus 23 Schafen und 14 Ziegen, 25 weitere Schafe „arbeiten außerhalb“. Und ihr Mann Andreas, ebenfalls Berufsschäfer, mag die Schafe (und muss die auch scheren). Und er mag „Schäfer sein bei schönem Wetter“, – sie lacht.

Ziegenliebe

Doch Mandy identifiziert sich immer mehr mit ihren Ziegen. „Manchmal denke ich wirklich wie die. Wenn ich dann auf meine Ziegen gucke, dann weiß ich genau, wie die sich fühlen, wo die sich wohlfühlen, was sie gerade brauchen.“

Deshalb hat auch (fast) jede Ziege einen Namen. Wer keinen hat, der ist noch jung – jetzt um die neun Monate, also vom Frühjahr 2025 – und hat ihn Mandy noch nicht verraten. Denn die Namen haben alle eine Bedeutung:

„Pony“ ist mit rund 8 Jahren die Älteste und nicht nur „groß wie ein Pony“, sondern auch die Chefin der Ziegen. Ihre Oma war eine Walliser Schwarzhalsziege. Die frühere „Chefin“, eine Thüringer Waldziege – riesengroß, mit riesigen Hörnern – ist vor zwei Jahren gestorben. „Chefins Tochter“ ist aber in der Truppe dabei.

Die „Schöne und das Biest“ vereint beides in sich – Schönheit und eigenen Willen. „Loni“ ist Ponys Tochter und wird sicher auch mal so groß wie diese, „Annika“ und „Pippi Langohr“ gehören natürlich zusammen. „Baby“ hat ein Glöckchen und Mandys Aufmerksamkeit. Ihre Tochter heißt „Linda“ und die Pfauenziege heißt „Pfaun“.

Und seit heute gibt es doch tatsächlich eine „Anne“ in der Herde …

Schafhaltung in Schalkau

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts spielte die Schafzucht in der eher kargen Landschaft eine bedeutende Rolle. In Sonneberg, Effelder und Schalkau hüteten Berufsschäfereien die Tiere des Adels. Bauern in Selsendorf, Emstadt oder Bachfeld setzten ebenfalls auf die genügsamen, flauschigen Vierbeiner in großer Menge. Herden von häufig mehreren tausend Tieren bestimmten das Landschaftsbild übers Jahr.

Schalkau und das Schaumberger Land ohne Schafe war und ist für viele daher nicht denkbar. Doch genau dorthin geht die Reise, seit die Agrargenossenschaft in Schalkau Ende 2023 den Bereich Schafzucht geschlossen hat. Aus wirtschaftlichen und personellen Gründen.

Schafhirte wird man nicht, um viel Geld zu verdienen. Schafhirten sind meist Überzeugungstäter. Und eher rar gesät. Es fehlt vor allem am Nachwuchs. Denn Schafehüten hat wenig mit schönem Wetter und entspanntem Herumsitzen zu tun – es ist ein anstrengender Job mit viel Verantwortung.

Mandy und Andreas mussten sich nach der Schließung des Betriebs entscheiden, wie sie künftig ihr Geld verdienen und ohne Schafe leben wollten. „Am Anfang war spazierenlaufen, ganz ohne Hund und ohne Schafe, total ungewohnt,“ nach 15 Jahre in Begleitung der Vierbeiner, kein Wunder.

Der Weg von Mandy und Andreas

Nun ist Andreas als Kernbohrer unterwegs und sie verdient ihr Geld als Gärtnerin, denn ohne Natur und draußen sein, geht es für Mandy einfach nicht. „Ich habe zwischenzeitlich mal ganz kurz im Verkauf gearbeitet. Dort habe ich mich wie eingesperrt gefühlt. Ich habe immer oben aus diesen kleinen Fenstern geguckt und mich gefragt, was für Wetter wohl draußen ist. Und ich bin abends aus dem Laden gekommen und dachte – der Tag ist vorbei und du warst nicht einmal draußen.“

Zwei Kinder, zwei Pferde, vier Rinder, Hühner und ein Hund brauchen Zeit und ein guter Kompromiss scheint die eigene kleine Herde zu sein – Tiere und Menschen wirken zufrieden. Schafe und Ziegen helfen beiden über den Verlust des Schäferberufs hinweg, obwohl Schafe-Hüten und Schafe-Koppeln natürlich nicht vergleichbar sind. „Also hüten, da bist du dann nur draußen und die Hunde müssen wirklich stets und ständig laufen. Und wenn du jetzt koppelst, dann musst du ja nicht jedes Mal einen Hund dabei haben. Wenn du von Ort zu Ort treibst, dann ist es schon schöner, wenn du einen Hund dabei hast.“

Und so bleibt die belgische Schäferhündin „Anni“ auch meist daheim. Sie ist erst zwei und familiär eingebunden. Die Kinder sind mit Hunden groß geworden und sollen nicht darauf verzichten. Als der Betrieb in Schalkau schloss, musste Mandy ihre Hunde verkaufen, „… weil ich denen nicht mehr die Arbeit bieten konnte, die sie brauchten. Die sind alle weitergegangen an andere Herden. Ich sagte immer, die brauchen nicht mich, um glücklich zu sein, die brauchen Schafe, um glücklich zu sein.“

Ein traditioneller Schafstall in Ehnes ist nun das Winterquartier von Mandys Herde. „Ich weiß gar nicht wie alt der ist, das ist nur so ein kleiner Bretterverschlag, aber da haben alle Platz im Winter.“ Die Ziegen sind empfindlicher als die Schafe, die eigentlich nur zwischen Januar und März im Stall untergebracht werden. Daher ziehen die Ziegen früher in den Stall und warten, bis der Schnee auch die Schafe reintreibt.

Landschaftspflege

In Masserberg bewirtschaften Mandys Tiere seit zwei Jahren den Fehrenbachgrund, eine Fläche, die früher mit der Hand gemäht wurde und dann verbuschte. Ein Gebiet mit Feuchtgebieten, mit ganz trockenen Stellen und riesigen Felsen. Als NATURA 2000 Thüringer Wald jemanden suchte, um es zu beweiden, warf sie ihren Hut in den Ring, obwohl das Koppeln dort ein Graus ist. Das Gelände ist sehr unzugänglich, aber für ihre Ziegen perfekt. Die Schafe fressen eher die feineren Gräser, aber die Ziegen verbeißen Büsche und Bäume zuverlässig. Damit Kräuter und Blumen Luft und Platz haben und die Artenvielfalt sich erhöhen kann. „Und das ist Landschaftspflege. Gewisse Dinge müssen freigehalten werden, weil zum Beispiel die Arnika, die wird verdrängt von anderen Pflanzen verdrängt, die kommt sonst nirgendwo mehr durch. „

Übers Jahr wechseln sie mit ihrer Herde von Fläche zu Fläche. Es sind meist kleine Parzellen, die Andreas oder seiner Familie gehören. Oder Koppeln bei Pferdebesitzern, die sie nochmal „abhüten“ lassen. Oder auch renaturierte Wiesen des Heu-Heinrichs, so wie jetzt hier in Stelzen, die vorm Winter noch genug Grün haben.

Peter Kieslich, der als Schäfer hier in der Region zwei große Herden hat und auch im Ruhestand weiter hütet, geht seine eigenen Wege. Man hilft sich unter Schäfern, denn gemeinsam ist es besser. Und solange Mandy nicht mehr Tiere hat, solange klappt es hier rund um Schalkau gut.

Einige ihrer Schafe lässt sie seit dem Trockensommer 2022 auf bzw. unter einer Solaranlage bei Mirsdorf weiden. Eigentlich wollte sie das nicht, denn die Tiere verlieren den Kontakt zu ihr. „Die Flächen sind zu groß und die sind eingezäunt. Du hast da immer Futter und du gehst auch nicht täglich hin. Du schaust zwei, dreimal die Woche hin, guckst, ob die Wasser haben, ob alles gut ist und das war’s. Und ich wollte eigentlich immer so, weil ich das ja vom Schäfer sein gewohnt bin, alle meine Tiere bei mir haben, alle sehen. Alle einmal durchzählen. Ja, und da war das so … weg, weg.“

Aber den Schafen ging es gut und es hat auch gut funktioniert und daher lässt Mandy sie nun den Sommer über dort. Schafe. Keine Ziegen, denn die sind zu unberechenbar.

(Und ich glaube, sie würde die Trennung eh nicht verkraften. 🙂)

Mandys Bande

„Wir suchen uns jedes Jahr aus den Lämmern jeder eins raus, was uns besonders gefällt und dann hüten wir das,“ rein rechnerisch kommen so jedes Jahr mindestens vier neue Ziegen und Schafe dazu. Aber auch die kleinen Böcke laufen den Sommer in der Herde mit. Und für die Gesundheit sorgen Tauschtiere und Zukäufe.

Coburger Fuchsschafe, Bergschafe, Merinolandschafe und allerlei Mischungen teilen sich mit Pfauenziegen, Thüringer Waldziegen, Anglo Nubier Ziegen in allen erdenklichen Kombinationen ihre Aufmerksamkeit und beschäftigen sie übers Jahr. Durch den Anglo Nubier Bock erhöht sie die Farbenvielfalt ganz gezielt.

Auf ein Wort

Hochdeutsch: Ziege und Schaf
Übersetzung: Zick, Ziech, Gäss und Schouf

aus: Karl-Heinz Großmann, Wörterbuch, Itzgründisches Fränkisch
Natura 2000 – Station „Thüringer Wald“

In Thüringen gibt es zwölf Natura Stationen. Die Arnika ist das Symbol der Natura 2000 Station „Thüringer Wald“. Das besondere Augenmerk liegt auf der Artenvielfalt der Bergwiesen im Thüringer Wald und orchideenreichen Halbtrockenrasen. Mit „Natura 2000“ hat die EU das größte grenzüberschreitende Schutzgebietsnetz der Welt gebildet. Es schützt überall in Europa gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume. Grundlage sind zwei Richtlinien der Europäischen Union: die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (abgekürzt FFH-Richtlinie) von 1992 und die Vogelschutzrichtlinie von 1979. Letztere trägt den Titel „Erhaltung der wild lebenden Vogelarten“. 

„Wenn ich auf meinem Weg in den Wald auf eine so zauberhafte Truppe treffe, greife ich ganz automatisch zum Fotoapparat.“

Anne

Anne – Ich fotografiere, schreibe und filme seit mehr als 30 Jahren zu Themen wie Natur und Genuss. Als Wahlthüringerin erkunde ich meine neue Heimat mit offenem Blick.


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